Regionales Bündnis gegen Elbvertiefung

 

Offener Brief an die Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft

Walter Rademacher - Bülsdorfer Str. 12a - 21785 Neuhaus
Datum
18. März 2008

An die 
Abgeordneten der
Hamburgischen Bürgerschaft
Rathausmarkt 1 
 
20095 HAMBURG

 
Offener Brief an die Abgeordneten der Hamburger Bürgerschaft
 
Sehr geehrte Abgeordnete der Bürgerschaft der Freien und Hansestadt Hamburg,
 
wir beglückwünschen Sie zur Wahl in die Hamburger Bürgerschaft und wünschen Ihnen
bei Ihrer politischen Arbeit viel Kraft und Erfolg. Wir gehen davon aus, dass Sie bei allen
politischen Entscheidungen sowohl Ihrer Fraktion als auch Ihrem Gewissen gegenüber
verantwortlich sind. 
 
Daher wenden wir uns  heute an Sie mit der Bitte,  die Planung einer weiteren
Elbvertiefung kritisch zu hinterfragen und zu überprüfen. Auf Antrag des Hamburger
Senats sollen Außen- und Unterelbe nochmals vertieft werden, obwohl das
Beweissicherungsverfahren für die letzte Elbvertiefung 1998/99 noch nicht
abgeschlossen und auf das Jahr 2014 festgesetzt worden ist. 
 
Mit der geplanten Elbvertiefung um bis zu 2,50 m soll großen Containerschiffen die
Fahrt nach und von Hamburg aus ermöglicht werden. Das diesbezügliche
Bemessungsschiff hat eine Länge von 350  m, eine Breite 46 m und einen
Konstruktionstiefgang von 14,50 m bei einer Kapazität von 10.000 TEU. Durch eigene
umfangreiche und aktuelle Recherche (s. u.) haben wir nachgewiesen, dass diese
Großcontainerschiffe den Hamburger Hafen schon jetzt problemlos anlaufen und wieder
verlassen können. Nur 33 % der Super-Post-Panmax-Schiffe über 8.000 TEU laufen
den Hafen tideabhängig an und nur 12 % von ihnen laufen tideabhängig wieder aus.
Nach übereinstimmender Aussage der Hafenwirtschaft sind die SPP-Schiffe auch in
Zukunft die Arbeitspferde des Weltcontainerverkehrs. Tiefgangsbedingte

Verzögerungen sind bei ihnen äußerst selten, im Schnitt ist noch nicht einmal ein Schiff
pro Tide auf das Zeitfenster angewiesen. Durch die geplante 7. Elbvertiefung sind daher
keine spürbaren Effekte für die Hafenwirtschaft und den Arbeitsmarkt zu erwarten. 
 
Wir möchten Sie darauf aufmerksam machen, das Außen- und Unterelbe vor acht
Jahren um nur 90 cm(!) vertieft worden sind. Dennoch haben sich seitdem erhebliche
nicht prognostizierte Veränderungen und negative Auswirkungen eingestellt. Bereits
jetzt ist die Elbe nicht mehr kontrollierbar und verhält sich nicht wie prognostiziert. Durch
die letzte Elbvertiefung ist die Fließgeschwindigkeit so gestiegen, dass im gesamten
Unterelberaum deutlich mehr Erosion an Sohle und Ufern aufgetreten ist sowie
neuartige Setzungsschäden an den Deichen, deren Ursachen allen Behauptungen zum
Trotz bisher nicht bekannt sind. Die Elbe vertieft sich selbst und nagt am
Hochwasserschutz, Uferabbrüche und Wattverluste sind die sichtbaren Folgen der
Erosion. 
 
Gleichzeitig tritt an anderen Stellen verstärkte Sedimentation auf, was zur
Vervielfachung der Unterhaltungsbaggerungen geführt hat. In den Wirtschaftshäfen –
insbesondere in Hamburg – sind infolgedessen die Kosten unerträglich gestiegen, auf
die kleinen Häfen rollt eine gewaltige Kostenlawine zu und die biologisch wertvollen
Ufer- und Flachwasserzonen verlanden. Damit verlieren sie ihre unersetzliche Funktion
für die gesamte Region. Das Tideelbeästuar droht zu sterben und zum toten
Wirtschaftskanal zu werden, wie es die Ems bereits ist. Die alljährlichen bei Hamburg
auftretenden Fischsterben sind die warnenden Vorboten dafür und Indiz für die starke
Belastung und hohe Sensibilität der Elbe.
 
Die Unterbringung der enormen Baggermengen ist ein weiteres ungelöstes
ökonomisches und ökologisches Problem, denn der Vertrag des Hamburger Senats mit
der Landesregierung von Schleswig-Holstein über die Verklappung in der Elbmündung
läuft im kommenden Jahr aus.  Seit der letzten Elbvertiefung sind die Kosten für
Unterhaltungsbaggerungen durch ausgeuferte Sedimentmengen geradezu explodiert,
ein Zahlenvergleich der Baggermengen: Letzte Elbvertiefung 14 Mio. cbm, geplante
nächste Elbvertiefung 38 Mio. cbm, derzeitige Unterhaltungsbaggerungen 20 Mio. cbm
p. a., Bau Jade-Weser-Port nur 3,5  Mio. cbm. Die Kosten für die
Unterhaltsbaggerungen haben allein in Hamburg 2007 57 Mio. EUR betragen! 
 
Außerdem würde das Salzwasser weiter in die Elbe eindringen und die
Brackwasserzone würde sich verschieben. Unsere ökonomischen Schäden in
Millionenhöhe in den lebenswichtigen Bereichen Küstenschutz und Deichsicherheit,
Tourismus, Landwirtschaft und Küstenfischerei sind in den vorgelegten Planunterlagen
unberücksichtigt und die drohenden ökologischen Schäden sind nicht bezifferbar. 

Bedenken Sie bitte auch, dass ein großer Bereich der Außen- und Unterelbe FFH- und
Naturschutzgebiet ist und dass über zwei Millionen Menschen im Unterelberaum leben,
von denen viele die Auswirkungen der Sturmflut von 1962 am eigenen Leib erfahren
haben und nie vergessen werden. 
 
Sehr geehrte Abgeordnete, wir wissen die vielen tausend Arbeitsplätze der Menschen
unserer Region in Hamburg zu schätzen und möchten auf keinen Fall darauf verzichten
oder diese gefährden. Es geht nicht darum Entwicklungen  und Möglichkeiten
abzuschneiden, sondern sachlich-nüchtern und klug Vor- und Nachteile abzuwägen. 
 
Zusammenfassend haben wir festgestellt, dass Bedarf, Ertrag und Arbeitsmarkteffekt
der Elbvertiefung wesentlich geringer sind, als behauptet wird, und andererseits Preis,
Folgen und Risiken wesentlich höher bzw. gravierender als prognostiziert sind - Airbus
lässt grüßen. Der Containerboom der letzten Jahre mit der Verdreifachung des
Umschlags ist der eindrucksvolle Beweis dafür, dass die Zufahrt zum Hamburger Hafen
ausreichend dimensioniert ist und – auch ohne weitere Elbvertiefung – heute und in
Zukunft Hamburgs Tor zur Welt sein kann und wird. 
 
In diesem Sinn verbleiben wir mit freundlichen Grüßen und freuen uns auf eine Antwort
von Ihnen.
 
Für das Regionale Bündnis gegen Elbvertiefung 
 
 
 
Walter Rademacher
 

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