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Was ist Deichsicherheit?
Die Deiche sind höher als je zuvor, aber ist
Deichhöhe = Deichsicherheit?
Ein klares NEIN! Deichsicherheit hängt von vielen Faktoren
ab: Höhe, Bauweise, Untergrund, Belastungen und Pflegezustand.
Die Landesregierung hat sich geweigert, den Begriff „Deichsicherheit“ zu
definieren. (dazu: kleine Anfrage von Anfrage von Hans-Jürgen
Klein im Nds. Landtag)
Wie steht es um die Sicherheit unseres Deiches?
Der Deich im Altenbrucher Bogen wurde 1980 erhöht und bekam
wie fast alle neuen hohen Deiche einen Sandkern. Seit 2002, also
22 Jahre später, treten in einem bestimmten Bereich zwischen
Glameyer Stack und der Langzeitmessstelle LZ3 bei der Deichrampe
(Weg über den Deich) in Wehldorf. plötzlich Setzungen
und Rutschungen im unbelasteten Zustand ohne erkennbare Ursache
auf.
Das ist ein Alarmsignal! Die Ursache ist bis heute ungeklärt!
Es ist absolut ungewöhnlich und weicht von den Regeln der
Bodenmechanik und den allgemeinen Erfahrungen ab. Setzungen erfolgen
gleichmäßig und stetig abnehmend. Hier stimmt eindeutig
etwas nicht, aber was? Wir fragen uns: Wie verhält sich
der Deich im Falle einer schweren Sturmflut, der sich schon ohne
Belastung plötzlich setzt?
Ursachenforschung:
Machen wir uns also auf die Suche. Als Ursache kommen äußere
Einflüsse in Frage oder langsame innere Veränderungen,
die beim Überschreiten bestimmter Grenzen plötzliche
Veränderungen hervorrufen.
Genannt wird hier immer wieder ein zu hoher Wasserstand im
Deich, der durch erhöhte Niederschläge und fehlende
Dränage
den Sandkern instabil werden lässt. Allerdings lassen die
Schäden diese Erklärung nicht zu, denn auch in dränierten
Abschnitten traten Schäden auf und die Neunziger Jahre waren
deutlich niederschlagsreicher als die Jahre danach.
Also geht die Suche weiter. Gab es hier Veränderungen in
jüngerer Zeit? Ja, Elbvertiefung.
Im Jahr 1999 wurde die Fahrrinne der Elbe hier um 1 m vertieft.
Anschließend hat die Strömung bis 2002 weitere 2 m
ausgespült, das ergibt an dieser Stelle eine Vertiefung
von insgesamt 3 m! Das gilt für den Bereich Glameyer Stack
bis Langzeitmessstelle LZ3 und darüber hinaus. Damit erklärt
sich auch die Zunahme des Ebbstroms an der LZ3 um 53 % bis 2002.
Bei LZ3 hat die Fließgeschwindigkeit noch nicht einmal
den Maximalwert, denn der liegt etwas östlich, genau im
Bereich der Schadensstellen.
Es fällt weiter auf, dass die Fahrrinne hier so nah am Deich
ist, wie sonst nirgends in diesem Bereich. Genau gegen dieses
Ufer laufen auch die Windwellen aus der Nordsee herein, und das
durch die letzte Vertiefung noch stärker. Dieser Deichabschnitt
hat die höchste Belastung durch Windwellen an der gesamten
Nordseeküste!
Seltener aber deutlich höher sind die Schiffswellen. Die
Wellenhöhe geht quadratisch in die Wellenenergie ein, also
in die Kraft, die durch die Welle auf ein Hindernis wirkt. Eine
doppelt so hohe Welle hat nicht die doppelte, sondern die vierfache
Energie und bereits eine 1,4 m hohe Welle hat die doppelte Energie
einer 1 m hohen Welle. Hinzu kommt, dass Schiffswellen mit dem
ihnen vorausgehenden Sog eine andere ganz besondere Charakteristik
besitzen.
Im Altenbrucher Bogen treten erfahrungsgemäß Schiffswellen
auf, die auch große Steine von über 1 m Kantenlänge
und eine Betonplatte von 200 kg Gewicht aus der Verankerung gerissen
haben, siehe dazu Bilder und Erläuterungen unter „Schäden
durch die letzte Elbvertiefung“. Im Bogen sind Ruderbewegungen
erforderlich. Große Schiffe drücken dabei hinten enorme
Wassermassen seitlich weg und so kommt es regelmäßig
zu außergewöhnlich hohen und damit auch energiereichen
Wellen.
Glameyer Stack ist auch eine Betrachtung wert. Das ist der
neuralgische Punkt der Unterelbe. Aktuelle Messungen ermitteln
für diesen
Bereich als heutigen „Ist-Zustand“ Tiefen bis zu
30 m unter NN. Glameyer Stack ist der Punkt, an dem die Kraft
des Stroms maximal angreift und an dem sie gebrochen wird. Glameyer
Stack ist aber kein Bauwerk, sondern eine Dauerbaustelle oder
auch ein Verschleißkörper, denn die Kraft des Wassers übersteigt
die konstruktiven Möglichkeiten der Wasserbauer. Glameyer
Stack ist ein Millionengrab, allein 1990 wurden hier panikartig
1,4 Mio. DM „verbaut“. In die Wirtschaftlichkeitsberechnungen
der Elbvertiefungen gehen solche Kosten nebenbei erwähnt
nicht ein.
Die Vertiefung der Fahrrinne und die anschließende Erosion
haben ein tiefer liegendes Grundwasserstockwerk mit grobem Sand
freigelegt. In diesen Grundwasserleiter dringt das Salzwasser
viel schneller und weiter ein, als ins obere Grundwasserstockwerk.
Hier werden auch die durch Schiffswellen ausgelösten Schwingungen
unter dem Deich hindurch ins Land übertragen, die bekanntlich
das Geschirr klirren lassen.
Zwischenbilanz:
Es spricht also Einiges dafür, dass die letzte Elbvertiefung
mit den daraus resultierenden Veränderungen und Belastungen
Ursache der Deichschäden ist. Insbesondere die ohne Messgeräte
spürbaren Schwingungen wurden als Ursache vom Hadelner Deich-
und Uferverband (HDU) vermutet. Das wurde durch Reaktionen des
Wasserspiegels im Deich infolge von Schiffswellen erhärtet.
Der Bund als der möglicher Verursacher, der ja bereits die
nächste Elbvertiefung plante, beauftragte die Bundesanstalt
für Wasserbau (BAW) mit der Untersuchung der Schwingungen
als Ursache für die aufgetretenen Deichschäden. Es
wurden Messungen mit Schwingungssensoren und Porenwasserdrucksensoren
gemessen. Beide Messarten ergaben für den Deichkörper
keine Ergebnisse die Schäden verursachen könnten. Schiffswellen
als Ursache wurden somit ausgeschlossen.
Die Gutachten der BAW grenzen also lediglich eine mögliche
Schadensursache aus. Sie klären aber nicht die Ursache, äußern
Vermutungen und geben Empfehlungen.
Fazit:
Bis heute kennt niemand die genaue Ursache. Niemand weiß,
in welcher Schicht und aus welchem Grund diese Setzungen eingetreten
sind. Daher kann niemand behaupten, die Schäden sind nicht
durch die letzte Elbvertiefung verursacht, wie man es teilweise
in der Presse lesen kann.
Die Bundesregierung vertritt aufgrund dieser Gutachten die
Ansicht, dass die Deichsicherheit durch diese Gutachten bereits
abschließend
geklärt ist, wie die Parlamentarische Staatssekretärin
beim Verkehrsministerium auf eine Kleine
Anfrage (PDF-Datei Frage 41 und 42) von Rainder
Steenblock und 2 weiteren Abgeordneten der Grünen schriftlich
verlauten ließ. Ein solcher Schluss lässt sich nicht
ableiten und ist daher unzulässig. Die Bundesregierung hat
hier das Ergebnis des Planfeststellungsverfahrens vorweggenommen.
Es ist doch nicht so ergebnisoffen wie immer behauptet wird.
Nachschlag:
Der HDU gibt sich mit den Ergebnissen nicht zufrieden und stellt
weitere Untersuchungen an. Seit Anfang Februar 2007 wird in zwei
Bohrungen der Wasserspiegel im Deich erneut gemessen. Wieder
werden deutliche abrupte Wasserspiegelschwankungen infolge Schiffswellen
gemessen. Das erscheint vielleicht harmlos. Eine plötzliche
Wasserspiegelschwankung bedeutet aber die plötzliche Bewegung
großer Wassermassen. Das kann im wassergesättigten
gleichförmigen Feinsand des Sandkerns durchaus zu Umlagerungen
führen.
Das BAW-Gutachten basiert nicht auf dieser Messmethode und
klammert diese Möglichkeit einfach aus.
Im Februar 2007 wurden erneut Deichschäden entdeckt, aber
diesmal weiter westlich. Hier ist zwar die Fahrrinne weiter vom
Deich entfernt, aber hier wurden im Sommer 2006 große Windkraftanlagen
gebaut. Die Gründung wurde im Rüttelverfahren erstellt.
Windkraftanlagen verursachen auch im Betrieb Schwingungen im
Boden.
Jetzt ist deutlich, dass doch äußere Einwirkungen,
genauer gesagt Schwingungen oder abrupte Wasserstandsänderungen
mit hoher Wahrscheinlichkeit Ursache für die Deichschäden
sind.
Einer weiteren Elbvertiefung kann vor diesem Hintergrund auf
keinen Fall zugestimmt werden! |